Regatta-Bericht West-Ost 2009


1.8.2009. Samstag früh. 7 Uhr im Konstanzer Hafen. Öliger See. Es regt sich kein Blättchen. Natürlich haben wir (Fabio (9) und Michael (44)) schon seit Tagen die Windvorhersagen mit Argusaugen überwacht. Freilich ohne dass uns dies bisher Freudenschreie entlockt hätte.


Unsere „Greyhound“, eine RSK6 von Rondar liegt im Hafen. Nur noch das Großsegel hoch, Leinen los und unser Trainerboot (herzlichen Dank an Axel) kann uns in Richtung Startlinie schleppen, wo sich schon allerhand hochkarätiges Material aus Holz, GfK und Kohlefaser versammelt hat. Staunende Blicke richten sich auf unsere winzigen 580 cm und: Den eindeutig jüngsten Steuermann des Feldes.


Von Wind kann man bisher nicht sprechen. Der minimale Windhauch schubst uns zart über Startlinie. Erstaunlicherweise haben wir freien „Wind“. Wir wollen übers Nordufer, hoffen darauf, dass dort eine Thermik entsteht. Bis zum „Hörnle“ hungern wir uns durch. Dann wieder ein Hauch halben Wind: Schnell den Gennacker hoch, der prompt einen literschweren Wassersack bildet und bremst, bremst, bremst. Alles wieder weggepackt und, schwupps, ein paar hundert Meter verloren.


Richtung Hagnau schleichen wir weiter. Wir fahren quer rüber – andere machen einen Bogen bis fast zur Fähre und sind früher drüben: War das unser zweiter kapitaler Fehler ? Die Logge faselt derweil etwas von 0,5 kn. Nicht mal so fühlt sich das an. Im Kopf rechnen wir wie lange man so für 24 sm benötigen würde ... Das gibt zu denken. Fabio ist sicher: "So habe ich mir das nicht vorgestellt." Und dann: "In Hagnau brechen wir ab", nehmen wir uns vor. Leicht gesagt. Aber erst mal hinkommen.


Wir kommen hin und nach stundenlangem Warten kommt nun endlich der Wind, der auch unsere Verzweiflung wegbläst ! Wir loggen 3 bis 3,5 Knoten und eine wunderbare Thermik mit konstant ca. 2 Bft. pustet uns an Immenstaad vorbei, schließlich auch an Friedrichshafen. Da fahren wir leider nicht weit genug rein: Und wieder ist kürzer nicht schneller – dicht unter Land saust alles unter Spi und wir hier draußen hangeln uns über die immer größer werdenden Flautenlöcher.


Und jedes einzelne Loch nagt an der Motivation. Fabio: "Ich segle keine Langstrecke mehr" Dann: "Ich will nie mehr mit der Greyhound segeln." Und auch: "Ich will überhaupt nicht mehr segeln". Allerdings auch: "Wir schaffen das, wir kommen ganz bestimmt durch", wenn ihm mal Papas defaitistisches Gemoser zuviel wird.


Der Wind dreht ein wenig rechts: Zeit unseren Gennacker zu lüften. Der füllt sich nun endlich und zieht "Greyhound" brav an Langenargen vorbei und bald danach können wir einen ersten Blick auf unser Ziel werfen: Bregenz liegt in Sichtweite – "Weite" nehmen wir wörtlich. Es ist schon noch ein ziemliches Stück.


Jetzt heißt es Strecke nach Lee zu machen. Das ist nicht leicht. Das Schiff quittiert jedes Abfallen mit spürbar weniger Speed - der Gennacker fordert ausreichende Höhe. Schnell sind wir schon wieder fast in der Seemitte und noch schneller an der Spitze der Rheinmündung. Es läuft gut. Wir sind zufrieden und freuen uns auf die Ziellinie.


Zu früh ! Unmittelbar nach dem Rheindamm legt irgend jemand (den wir nicht kennen und den wir nach Kräften verfluchen) den Schalter um. Flaute. Richtige Flaute. Wir stehen und diesmal sind wir wirklich frustriert. Viele hungern sich schleichend dichter unter Land durch. Wir nicht und am Ende zeigt sich, dass das Ergebnis das gleiche sein wird.


Die Zeit verrinnt. Es wird 18 Uhr, 19 Uhr ... Noch immer können wir die Ziellinie nicht ausmachen. Dann wieder ein sanfter Hauch: Ah: Eine gelbe Tonne ist in Sicht. 20 Uhr. Jetzt können wir einzelne Huptöne hören. Wir bibbern ob wir noch einen Huper hören werden oder ob noch vorher abgeschossen wird. Unsere Hoffnung wankt. So ganz ohne Wind kann man eben doch nicht segeln! "Gib' uns einen Hauch. Nur einen Pups", richten wir unser Flehen nach oben. Doch Rasmus hat kein Erbarmen.


Es ist fast 21 Uhr. Die Ziellinie ist zum Greifen nahe. Meter um Meter steuern wir die kleinste Nuance Winddreher mit gebanntem Blick zum Verklicker aus. Atemlos vor Spannung heftet sich ein zweiter Blick ans Zielschiff. Wann werden sie die Signalpistole heben ? Noch ein Hupton. Der galt nicht uns, sondern der "a la carte" mit der wir uns schon seit Langenargen duellieren. Noch ein Meter, und noch einer. Wir peilen links, peilen rechts. Dann tutet es endlich: "Jaaaaaahhhh !", mit einem urgewaltigen Schrei entlädt sich die Spannung. Wir sind drüber. Wir sind gezeitet. Wir haben's geschafft. Nach 13 Stunden Regatta sind wir in Bregenz. Und überglücklich. Und dankbar, dass die Uhr der Regattaleitung das eine oder andere Sekündchen nachgegangen sein muss.


Die Crew der "a la carte" hat ein großes Herz. Sie schleppt uns bis fast zur Slipbahn, wo unsere Shore-Crew (Mama und Bruder Frederik) und der Bootsanhänger seit Stunden sehnlichst auf uns warten.


Was für eine Regatta, was für ein Tag, der hinter uns liegt: Beten, bibbern, fluchen, hoffen, pure Freude wenn’s lief, abgrundtiefe Verzweiflung beim Stillstand. Und Fabio ist sich sicher: "Morgen gehe ich wieder segeln !"


NB: Von 242 gestarteten Schiffen erreichen nur 125 die Ziellinie. In unserer Yardstickgruppe sind wir neunte und letzte von 25 gestarteten Schiffen. Mit 12:59:37 gesegelter Zeit sind wir das zweitletzte gewertete Schiff.